Das Institut

Die kompromisslose Parteinahme Janusz Korczaks für das Kind war wegweisend für die Gründung des Janusz-Korczak-Institutes durch Henning Köhler. Das Institut besteht seit 1986 und versteht sich als eine freie, interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft von Therapeuten, die sich diesem Impuls verbunden fühlen. Es hat sich einen Namen gemacht durch konsequenten Verzicht auf ›defektologische‹ Kategorien in dem Bemühen, so genannte auffällige Kinder zu verstehen. Wir sehen darin nicht nur ein frommes Ideal, sondern eine methodische Alternative zu den üblichen mängeldiagnostischen Verfahren.

An die heilpädagogische Ambulanz des Janusz-Korczak-Instituts wenden sich Eltern, die sich Sorgen machen um ihr Kind (weil es sich schwer tut mit bestimmten Anforderungen und Erwartungen oder weil im Umfeld das Verhalten ihres Kindes als auffällig beurteilt wird). Sie finden hier neben einer besonders entwickelten kindnahen Diagnostik auch fachliche Beratung in Erziehungsfragen und therapeutische Angebote für ihr Kind.

 

Weitere Praxen unter dem Dach des Janusz-Korczak-Instituts:

Köln:
Pädagogisch-Soziales-Zentrum i. A. "kind-gerecht" (Dr. med. Silke Schwarz und Mitarbeiter). Weitere Informationen und Termine erhalten Sie bei Frau Ivonne Rausch Freies Bildungswerk Rheinland
Tel.: 0049 (0)221 94 14 930
kindgerecht-koeln.de

 

Schriesheim:
Heilpädagogische Praxis "Im Einklang"
Evelyn Lied
Herrengasse 18
69198 Schriesheim
Telefon 0 62 03 - 924 327
heilpaedagogik-im-einklang.de

 

Henning Köhler wirbt mit seinem gesamten Lebenswerk, seinen Büchern und Vortragsaufzeichnungen, für einen grundlegenden Einstellungswandel im Hinblick auf sogenannte dysfunktionale Kinder. Ihnen gegenüber eine Haltung jenseits der mängeldiagnostischen Kategorien zu finden, bleibt das Hauptanliegen unserer Arbeit.

 

Die kleine Auswahl der folgenden Ankündigungen zu verschiedenen Vorträgen können unser Anliegen noch verdeutlichen. Gleichzeitig sind sie reich an Anregungen:

 

Die Krise als Motor der Entwicklung - Was wird aus der Schule?

Im gewöhnlichen Sprachgebrauch ist eine Krise eine spannungsgeladene Situation mit noch offenem Ausgang. Ein Blick in die tägliche Zeitung genügt, um festzustellen, dass solche spannungsgeladenen Situationen weltweit und in fast allen Bereichen unseres täglichen Lebens anzutreffen sind. Dabei wird der Blick sehr oft auf die Probleme fokussiert, auf das, was nicht mehr funktioniert. Der Duden definiert „Krise“ allerdings etwas anders. Demnach geht das Wort auf das Griechische „krísis“ zurück, was Entscheidung oder entscheidende Wendung bedeutet. So verstanden stellt sich bei einer Krise die Frage: „Was kommt danach?“

11. September 2018 in Stuttgart

 

Pädagogik ohne Druck – ist das möglich?

Wie wir dahin kommen, in der Erziehung die Ebene des Machtkampfes zu verlassen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich und allseits anerkannt, Kinder zu züchtigen, d.h. ihnen körperliche oder seelische Schmerzen zuzufügen, sie zu bedrohen, einzuschüchtern, zu demütigen, um Gehorsam zu erzwingen. Heute gilt das als Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention und in vielen westlichen Ländern gegen entsprechend nationale Gesetze. Nun stehen wir aber vor einem großen Problem: Gegen das alte Prinzip der repressiven Erziehung wehrt sich, zumindest unter aufgeklärten Menschen, tief innerlich etwas – die Gesetze spiegeln nur wider, was sich in erfreulicher Breite als Bewusstseinsfortschritt vollzogen hat. Andererseits sind wir aber noch nicht reif für eine Pädagogik jenseits von Gewalt, das zeigt sich in vielen alltäglichen Situationen. Aus alledem resultiert große Unsicherheit, bei Erwachsenen wie bei Kindern. Und diese Unsicherheit führt in letzter Zeit dazu, dass Propagandisten einer „harten“ pädagogischen Linie wieder mehr Gehör finden. Vor allem psychische „Disziplinierungsmittel“ werden ganz offen empfohlen – nicht etwa nur als Ultima Ratio, sondern als Goldstandard. Das ist eine gefährliche Tendenz. Wie kommen wir aus dem Dilemma heraus? Dazu ist die Entschlossenheit erforderlich, wirklich zu neuen Ufern aufzubrechen. Trotzdem ist es kein Hexenwerk …

29. September bis 01. Oktober 2017 in Linz

 

Eltern wehrt Euch! - Die grosse Elternbeschuldigungslitanei, ihre Verlogenheit und ihre Folgen.

Elternsein wird in der öffentlichen Diskussion zunehmend reduziert auf Windeln, Herd und Nasenputzen. Damit wird suggeriert, Bildung und Sozialisierung könne nur ausserhalb der Familie stattfinden und sollte so früh wie möglich beginnen.

Werden Eltern tatsächlich überflüssig? Oder dienen sie womöglich als Sündenböcke und Generalargument für eine langsame Verstaatlichung der Erziehung auch kleinster Kinder?

Niemand hat eine so bedingungslose Beziehung zum Kind wie die Eltern. Niemandem vertraut das Kind so unerschütterlich wie seinen Eltern.

21. bis 23. Oktober 2016 in Köln

 

Pädagogik als vertrauensbildende Entwicklungsbegleitung

Die wichtigsten seelischen "Ressourcen", um das Leben zu meistern, sind Daseinsvertrauen, Sozialvertrauen, Gestaltungsvertrauen und Zukunftsvertrauen. Daran haben sich auch Schulen zu orientieren. Sonst ziehen wir Kinder heran, die vielleicht gut angepasst und leistungswillig sind, aber außerstande, schwierige Lebenslagen zu meistern - oder anderen Menschen in schwierigen Lebenslagen beizustehen. Der freie, zuversichtliche Geist wird lebenslang wissensdurstig und lernfähig sein. Das Gefühl von Freiheit und Zuversicht entsteht in den Entwicklungsjahren. Was diesbezüglich versäumt wird, ist schwer nachzuholen. (Impulsreferate und Gespräch.)

08. - 09. Oktober 2016 in Verona

 

Die Zukunft des Kindes ist unantastbar

Über den grundlegenden Unterschied zwischen freiheitlicher und manipulativer Pädagogik. Eine erziehungsphilosophische Betrachtung mit praktischen Konsequenzen.

Freiheitliche Pädagogik unterscheidet sich von manipulativer Pädagogik vor allem dadurch, dass jene vermeiden will, die Kinder gegen ihren Willen zu „prägen“. Nach Möglichkeit soll also nichts unternommen werden, was festlegend (determinierend) auf die Zukunft des Kindes vorgreift. Das ist natürlich ein Ideal, dem wir uns nur annähern können. Natürlich gibt es prägende Kindheitserlebnisse. Aber immer stellt sich die Frage, ob das, was ein Kind mitnimmt an eindrücklichen, nachhaltigen Erfahrungen, ihm aufgezwungen wurde – oder ob es sich für diese Erfahrungen ohne Nötigung geöffnet hat, weil ein entsprechendes Bedürfnis in ihm lebte. Der Irrglaube, man könne (und dürfe) pädagogisch in die Zukunft der Kinder hineinregieren, richtet seit Jahrhunderten unermesslichen Schaden an. Janusz Korczak sah das Problem sehr deutlich und formulierte deshalb ein „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“. (Magna Charta der Kinderrechte, §2). Damit wollte er sagen: Schenkt den Kindern Zeit, Aufmerksamkeit, Liebe und eure Lebenserfahrung – heute! Ohne strategische Überlegungen, was in der Zukunft daraus werden könnte! Denn das liegt ohnehin nicht in eurer Hand! – Aus den spirituellen Hintergründen der Waldorfpädagogik wird überhaupt erst richtig verständlich, warum die Forderung nach einer nicht-determinierenden Pädagogik so eminent wichtig ist … für unsere ganze Kultur.

14.Juli 2016, Isartal in Geretsried

 

Individualität und Gemeinschaft

Nur der freie Mensch übernimmt Verantwortung für seine Mitmenschen. Welche pädagogischen Konsequenzen folgen daraus?

Wir sind geneigt, einen Gegensatz zwischen Freiheit und Sozialkompetenz zu konstruieren. Dieses Missverständnis führt in der Pädagogik zu einer Verkettung weiterer fataler Fehlschlüsse. Das fängt schon im Kindergarten an und zieht sich bis in die Jugendjahre. In der falschen Annahme, man könne das soziale Klima verbessern, indem man die Kinder und Jugendlichen ständig in ihrer Freiheit beschneidet, wird gerade Zwietracht gesät. Denn schon dem kleinen Menschen ist seine Freiheit heilig, und wenn er das Gefühl hat, soziale Mitverantwortung und Mitgestaltung seien gleichbedeutend mit Freiheitsverlust, dann wird er eine tiefe Antipathie gegen soziale Mitverantwortung und Mitgestaltung entwickeln.

15. - 16. April 2016 in Herne

 

Aufrichtung oder Zurichtung? Pädagogik im Einklang mit der Würde des Kindes.

Der körperliche Aufrichteprozess als äußeres Bild des Inkarnationsprozesses und des Zusammenklingens von Eigen-Wille und Nachahmungswille. Stadien der inneren Aufrichtung (Autonomieschritte). Aufgerichtetheit, Bewegungssicherheit und Freiheit. Der Schwerkraft enthoben, aber mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Entscheidungskraft. Aufgerichtetheit als Erfahrung des inneren Königtums (Würde). Die Horizontale: sich niederlegen, sich wiegen lassen, ruhen, davongleiten in den Schlaf – eine Vertrauensfrage. „Ich muss nicht wachen, über mich wird gewacht.“ Man kann die Aufrichtekraft bei Kindern nicht „trainieren“, aber der Erwachsene kann dem Kind ein wahrhaftiges Gegenüber sein, an dem es sich immer wieder und wieder aufrichtet, bei dem es sich aber auch fallen lassen kann. Das verlangt nicht, „immer gut drauf zu sein“. Es verlangt Auf-Richtigkeit.

10. - 11. Februar 2016 in Zürich

 

Autorität und Freiheit

Warum Achtung vor der Freiheit des Kindes ein gesundes Autoritätsverhältnis nicht ausschließt, sondern das eine mit dem anderen eng zusammenhängt. Freundschaft in der pädagogischen Beziehung. Autonomie und Gemeinschaftsfähigkeit. Warum Zwangsanpassung soziale Fähigkeiten verkümmern lässt.

Der autoritäre Charakter eignet sich für den pädagogischen Beruf so wenig wie unmusikalische Menschen für das Dirigieren eines Orchesters. Wer auf Autorität pocht, dem kommt sie abhanden. Er benimmt sich autoritär, ist also keine Autorität, denn sonst hätte er autoritäres Auftreten nicht nötig. Das gilt nicht nur im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, wird dort aber besonders anschaulich. Die echte Autoritätsperson legt keinen Wert darauf, Autoritätsperson zu sein. Man kann Autorität nicht einfordern – sie ist ein Geschenk, durch das uns Kinder ihr Vertrauen kundtun. Ob wir dieses Vertrauens würdig sind, muss sich dann erweisen. Es wird durch Autoritätsmissbrauch verspielt. Was ist Autoritätsmissbrauch? Kinder wie Untertanen zu behandeln. Sie einzuschüchtern. Ihnen Angst zu machen. Genau das tun wir aber oft … und verwechseln es auch noch mit Pädagogik. Ehrliche Selbstprüfung ist hier der erste Schritt zur Besserung. Die Erziehungsfrage ist keine Machtfrage, auch wenn uns manche so genannte Experten seit Jahrhunderten das Gegenteil weismachen wollen. Kinder brauchen Liebe, Geborgenheit, Anerkennung und Orientierung. Und sie streben nach Freiheit. Macht über ihre Eltern, Erzieher und Lehrer erlangen zu wollen, liegt ihnen – bis zur Pubertät – ganz fern. Wir sind es, die immer wieder das Machtspiel eröffnen. Geleitet von Unsicherheit, schlechten Gewohnheiten und einem grundlegend falschen Denken. Es gibt keine bessere Medizin gegen dieses falsche Denken, als sich immer wieder eingehend mit den Gesetzen der kindlichen Entwicklung zu befassen und aus ihnen abzuleiten, was eigentlich der pädagogische Auftrag ist. Und es gibt keine bessere Medizin gegen schlechte Gewohnheiten im Umgang mit Kindern, als die Aufmerksamkeit zu schulen.

21. November 2015 in Zürich

 

Hand aufs Herz: Was wollen wir eigentlich von den Kindern? Dass sie möglichst schnell aufhören, Kinder zu sein? Und dann?

Über den Weg des Herzens in der Pädagogik. Anlässlich der widersprüchlichen Debatte über „Inklusion“ und Kinder, die nicht ins Schema passen.

Wir erleben zur Zeit im pädagogischen und heilpädagogischen Bereich zwei gegenläufige Tendenzen:

Auf der einen Seite redet alle Welt über „Inklusion“, und hinter dem Wort verbirgt sich der Geist einer ganz neuen, aktiven, bewertungsfreien Toleranz für die Unterschiede zwischen den Menschen; zugleich drückt „Inklusion“ (als innere Haltung) aus, dass wir kein Recht haben, starre Normen zu setzen und dann zu sagen: Dieses Kind kann so, wie es ist akzeptiert werden, jenes Kind hingegen nicht. Den Leitsatz der Inklusion hat Janusz Korczak schon vor 80 Jahren formuliert: „Jedes Kind hat das Recht, so zu sein, wie es ist.“ (Magna Charta Libertatis der Kinderrechte.)

Auf der anderen Seite sind die Kinder heute einem nachgerade grotesken Uniformitätsdruck ausgesetzt. Man duldet keinerlei Abweichungen von einer willkürlich als normal und gesund definierten Ideallinie. Das international gebräuchliche Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM) deutet immer mehr Normvarianten in Abnormitäten um, das heißt: mit steil ansteigender Tendenz werden „auffällige“ Verhaltensweisen und Wesenszüge als krankhaft eingestuft. Dadurch findet eine massive Verschiebung pädagogischer Aufgaben in die medizinisch-therapeutische Zuständigkeit statt, und dann sind rasch Medikamente zur Hand. Dieser Trend läuft dem Ethos der Inklusion frontal zuwider, denn Inklusion heißt eben nicht „Normalisierung“. Henning Köhler warnt davor, Kindern das Kindsein austreiben zu wollen und dies mit pädagogischer Verantwortung zu verwechseln. Es ist nun mal, dass Kinder in geordneten bürgerlichen Verhältnissen Irritationen auslösen. Deshalb kommen sie zur Welt. Genau deshalb. Besinnen wir uns darauf, worin die wahre pädagogische Verantwortung besteht. Um pädagogische Künstler zu werden.

13. November 2015 in Frankfurt

 

Der Blick auf besondere Kinder

Natürlich sind alle Kinder „besonders“. Aber sie dürfen es nicht allzu deutlich zeigen, sonst schlagen die Erwachsenen Alarm: „Normabweichung! Verhaltensauffälligkeit! Sofort Maßnahmen ergreifen!“ Manchen Kindern fällt es, aus welchen Gründen auch immer, schwerer als anderen, ihr „Besonders-Sein“ zu verbergen, sich wunschgemäß den immer enger definierten Normerwartungen anpassen, also weitgehend „unauffällig“ zu bleiben. Für sie gibt es Diagnosen, vorneweg AD(H)S, gern auch Asperger-Autismus oder ADS mit Asperger-Zügen. Auch frühkindliche narzisstische Störung ist sehr beliebt, seit ein prominenter Psychiater diese Diagnose auf alle Kinder ausgeweitet hat, die nicht aufs Wort gehorchen. Manche Kollegen widersprechen ihm vehement. Sie beklagen die „Diagnose-Epidemien“. Was ist da los? Könnte es sein, dass wir alle mit der Fehlerfahndungsbrille herumlaufen und jedes Kind, das nicht  reibungslos funktioniert, für krank erklären? Ist reibungsloses Funktionieren ein pädagogisches Ziel?  Sind Gesundheit und Normalität gleichbedeutend? – Der Vortrag soll zur eigenen Urteilsbildung über ein schwieriges Thema beitragen.

22. Oktober 2015 in Dinslaken

 

Kongress

Erster Vortrag

Die frühe Kindheit.

Oder: Das meisterhafte Kleinkind

Lange hat man geglaubt, am Anfang des Lebens sei der Mensch nur ein seelenloses Gewächs, welches nicht einmal Schmerz empfinden könne. Das wirkte sich verheerend auf die Pädagogik, aber auch auf die Kindermedizin aus. Ganz überwunden ist jenes grundverkehrte Bild allerdings immer noch nicht. So glauben viele bis heute, Kleinkinder erfüllten nicht die Kriterien, als „Personen“  angesehen und entsprechend behandelt zu werden. Dabei, so meine ich, zeigt ein unvoreingenommener Blick auf die frühen Entwicklungsschritte, dass wir es hier mit aktiven, schöpferischen Individuen zu tun haben, deren Fähigkeiten eigentlich ans Wunderbare grenzen. (Mit praktischen Anregungen.)

Zweiter Vortrag

Das Kindergartenalter und die ersten Schuljahre.

Oder: Goldene Zeit des Spiels – wenn wir es den Kindern ermöglichen!

Man kann sich manchmal fragen, ob die Institutionalisierung der Pädagogik nicht ein historischer Irrweg war. Denn dadurch wurden und werden zwei Dinge auseinandergerissen, die untrennbar zusammengehören: Lernen und Spielen. Wollen wir eine „Pädagogik vom Kinde aus“? Dann dürfte bis zum 9., 10. Lebensjahr ausschließlich so gelernt werden, dass die Spielfreude der Kinder, ihre Fantasie und ihr ausgeprägter Schönheitssinn Erfüllung fänden, und zwar im Rahmen von Gemeinschaften, die ihnen Heimat böten – eine zweite Heimat neben dem Elternhaus, aber nicht künstlich vom Elternhaus getrennt. (Mit praktischen Anregungen.)

Dritter Vortrag

Kindheitsmitte und Vorpubertät

Oder: „Auf wunderbare Weise erleben wir nun die Entfaltung des Individualkräfte.“ (Rudolf Steiner)

Kindheitsdämmerung. Die alten Spiele sind nicht mehr die alten Spiele. Eine seltsame Melancholie kommt auf. Die vertrautesten Menschen werden fremd. Das Kind fühlt sich oft einsam. Es beansprucht nun seine Geheimnisse, verspürt ein Bedürfnis nach Selbstverhüllung, aber auch eine neue, „romantische“ Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe: Der präsexuelle Eros fordert sein Recht. Zugleich entdeckt das Kind aber auch dunkle Seiten an sich, die ihm bis dahin nicht bewusst waren. Es schaut zurück auf seine bisherige Lebensgeschichte und fragt sich erstmals: „Wer bin ich eigentlich?“ (Mit praktischen Anregungen.)

Vierter Vortrag

Die Jugendjahre

Oder: Neu mit sich beginnen, neu mit der Welt beginnen

Nun wird die Frage nach der eigenen Identität drängend. Sie hat vier Aspekte: Wer bin ich? Wie werde ich wahrgenommen? Was vermag ich? Wohin will ich (bzw. wie will ich werden)? Alles, was bisher Sicherheit und Orientierung bot, gerät ins Wanken. Sogar hirnphysiologisch lässt sich heute nachweisen, dass eine „Destrukturierung“ stattfindet und eine „Restrukturierung“ zu leisten ist. („Wegen Umbau vorübergehend geschlossen.“) In der Pubertät muss vorübergehend ein starker Egoismus, ja sogar ein Narzissmus durchbrechen. Es ist, so paradox es klingt, das Vorspiel zu neuen Sozialfähigkeiten. Die Sexualität wird zu einem großen Thema. Der junge Mensch ist fasziniert vom Guten wie vom Bösen. Er will eigene ethische Grundsatzentscheidungen treffen. (Übergang von der autoritativen zur autonomen Moral.) Dabei helfen Ideale. In der Umgebung Jugendlicher müssten Ideale so stark leben, dass man sie geradezu atmen kann. (Predigen nützt nichts.) Von einer entwicklungspsychologisch fundierten Jugendpädagogik sind wir Lichtjahre weit entfernt! (Praktische Anregungen, wie man die Entfernung etwas verkürzen könnte.)

15. bis 18. Oktober in Warschau

 

Inklusion als Bewusstseins- und Haltungsfrage

Oder: Wer den Eindruck hat, nicht behindert zu sein, sollte sich mal auf seinen Geisteszustand prüfen lassen.

 „Diese Bezeichnung ›Mensch mit Behinderung‹ wirkt auf mich wie ein Achtungszeichen, zum Beispiel: Vorsicht, bissiger Hund“, schreibt ein so Bezeichneter, 50 Jahre alt. Kinder können das noch nicht ausdrücken, aber sie fühlen es. Viel wird über strukturelle Fragen schulischer Inklusion debattiert. Was dabei zu kurz kommt, ist die innere Dimension der Sache. Menschen in Nichtbehinderte einerseits und Behinderte verschiedener Schweregrade andererseits zu unterteilen, entspringt einem falschen Denken, das überwunden werden muss. Überwinden wir es, kann Inklusion auch unter ungünstigen Rahmenbedingungen gelingen. Überwinden wir es nicht, nützen noch so gute Rahmenbedingungen wenig.

Denn mit exkludierenden Zuschreibungen ist kein inklusiver Blumentopf zu gewinnen.

Eine konstruktiv provozierende Stellungnahme zur Inklusionsdebatte.

 

Das Autoritäts-Paradox

Warum Achtung vor der Freiheit des Kindes ein gesundes Autoritätsverhältnis nicht ausschließt, sondern das eine mit dem anderen eng zusammenhängt. Oder: Worauf es wirklich ankommt in der Pädagogik.

Wer auf Autorität pocht, dem kommt sie abhanden. Er benimmt sich autoritär, ist also keine Autorität, denn sonst hätte er autoritäres Auftreten gar nicht nötig. Das gilt nicht nur im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, wird dort aber besonders anschaulich. Die echte Autoritätsperson legt keinen Wert darauf, Autoritätsperson zu sein. Man kann Autorität nicht einfordern – sie ist ein Geschenk, durch das uns Kinder ihr Vertrauen kundtun. Ob wir dieses Vertrauens würdig sind, muss sich dann erweisen. Es wird durch Autoritätsmissbrauch verspielt. Was ist Autoritätsmissbrauch? Kinder wie Untertanen zu behandeln. Sie einzuschüchtern. Ihnen Angst zu machen. Genau das tun wir aber oft … und verwechseln es auch noch mit Pädagogik. Ehrliche Selbstprüfung ist hier der erste Schritt zur Besserung.

Die Erziehungsfrage ist keine Machtfrage, auch wenn uns manche so genannte Experten seit Jahrhunderten das Gegenteil weismachen wollen. Kinder brauchen Liebe, Geborgenheit, Anerkennung und Orientierung. Und sie streben nach Freiheit. Macht über ihre Eltern, Erzieher und Lehrer erlangen zu wollen, liegt ihnen – bis zur Pubertät – ganz fern. Wir sind es, die immer wieder das Machtspiel eröffnen. Geleitet von Unsicherheit, schlechten Gewohnheiten und einem grundlegend falschen Denken. Es gibt keine bessere Medizin gegen dieses falsche Denken, als sich immer wieder eingehend mit den Gesetzen der kindlichen Entwicklung zu befassen und aus ihnen abzuleiten, was eigentlich der pädagogische Auftrag ist. Und es gibt keine bessere Medizin gegen schlechte Gewohnheiten im Umgang mit Kindern, als die Aufmerksamkeit zu schulen.

29.April 2015, Wangen im Allgäu

 

Das Rätsel der kindlichen Individualität

Von individueller Förderung ist ja heute viel die Rede. Aber was heißt denn das eigentlich? Oft hat man den Eindruck, „Individualisierung“ stehe drauf und „Normalisierung“ sei drin: eine Mogelpackung. Kinder mit Argusaugen zu überwachen, um bei jeder noch so geringfügigen Abweichung von einer höchst willkürlich definierten Erwartungsnorm mit Korrekturmaßnahmen auf sie loszugehen, hat jedenfalls wenig mit Achtung vor der Individualität zu tun. Die Gefahr, dass man „Inklusion“ genau dahingehend missverstehen wird, ist leider nicht von der Hand zu weisen. „Individualisierung statt Normalisierung“ hieß ein in den 80ern recht bekanntes Büchlein des anthroposophischen Arztes und Heilpädagogen Georg von Arnim. Heute sind wir viel zu stark auf Bilder von stromlinienförmiger Entwicklung und garantiert unauffälligem Verhalten fixiert. Wer aber ernst machen will mit der Wertschätzung und Förderung des Individuellen, braucht andere Leitbilder. Er braucht außerdem viel Herzenswärme, Humor, Großzügigkeit und Kreativität. Besinnen wir uns gemeinsam auf pädagogische Kernkompetenzen! Fehler macht jeder. Aber man darf sich nicht in die Tasche lügen und so tun, als sei das Falsche richtig.

24.-25. April 2015 in Remscheid

 

Aggressive Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter

Mit besonderer Berücksichtigung des Zusammenhanges zwischen Angst und Aggressivität

Eigentlich müsste man, um den problematischen Punkt genau zu treffen, vom Handlungsmodus der Destruktivität um ihrer selbst willen sprechen. Aggressivität an sich ist ja nichts Schlechtes, sogar Destruktivität (Zerstörung) gehört zum Leben, begleitet jeden schöpferischen Prozess, das lässt sich schon am kindlichen Spiel beobachten. Oder am Verlauf der gesunden Trotzphase. Sinnvoll sind destruktive Aktionen, wenn sie einem kreativen Vorhaben dienen, innerhalb dieses Geschehens Gestaltungsräume schaffen, Hindernisse beseitigen; wenn sie Erstarrtes in Bewegung bringen, Vorgefundenes auflösen, damit Neues entstehen kann.  Dadurch verlieren die zerstörerischen Energien ihren bösartigen Charakter. Sie werden gewissermaßen erlöst. Wir alle mussten als Kinder und Jugendliche lernen, mit den Antipathiekräften umzugehen, die unerlässlich sind, um ein autonomes Individuum zu werden. Und man ist ja auch Erwachsener nicht damit fertig. – Solche Überlegungen führen zu ganz praktischen Fragen. So kommt letztlich nichts Gutes dabei heraus, wenn man gegen die Aggressionen kleiner oder nicht mehr ganz so kleiner Buben auf derselben Ebene – wiederum aggressiv – vorgeht, also Frieden erzwingen will durch das Niederhalten jener widerstrebenden Impulse, welche man wertfrei als Antipathiekräfte bezeichnen kann. Zunächst gilt es, sich einen Blick anzueignen für die oftmals hinter einschießenden, aber auch zwanghaft gewordenen sozial destruktiven Verhaltensweisen verborgenen Ängste zu entwickeln. Dann erhebt sich die Frage, was man pädagogisch oder therapeutisch tun kann, damit Angst zum hilfreichen Lebensbegleiter und „Gewalt“ zur „Bewältigungskraft“ wird, durch die etwas Sinnvolles entsteht. – Auch den Themen Mobbing und Selbstverletzung werden wir uns kurz zuwenden.

16.-17. April 2015 in Gelsenkirchen

 

Brauchen wir Mut zum Erziehen? Oder gerade Mut zum Nicht-Erziehen?

Ein Plädoyer für mehr Vertrauen in die Entwicklungskräfte der Kinder

Rudolf Steiner forderte den Mut zum Nicht-Erziehen, so seltsam sich das anhören mag. „Eines nicht fernen Tages wird man sich schämen, das Wort Erziehung überhaupt in den Mund genommen zu haben“, sagte er. Aber keine Sorge, es läuft nicht darauf hinaus, die Kinder und Jugendlichen einfach machen zu lassen, was sie wollen … oder doch? Ist nicht der Eigenwille des heranwachsenden Menschen heilig und unantastbar? Aber was heißt das: Eigenwille? Haben wir es heute nicht eher damit zu tun, dass viele Kinder, mehr noch Jugendliche, nicht wissen, was sie wollen? Oder sich nicht aufraffen können, zu tun, was sie eigentlich wollen? Wenn ja, wie erklärt sich das?

Meine These: Je mehr Regeln wir aufstellen, je mehr wir den Kindern unseren Willen aufzwingen, desto mehr lassen wir sie allein mit der Not, ihrer eigenen inneren Führung nicht vertrauen zu können. „Freiheit ist ein kostbares Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet.“ (Ernst v. Weizsäcker) Zeitgemäße Pädagogik ist Pädagogik in Freiheit zur Freiheit. Der moderne Terminus „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ deutet an, was Kinder und Jugendliche, neben sicherer Bindung und sozialer Wärme, am meisten brauchen, damit „der Rosenkein der Freiheit“ (Steiner), den sie in sich tragen, kraftvoll aufblühen kann. Sozialkompetenz ist eine Frucht der Freiheit.

Das ganze Thema „Grenzensetzen“ erweist sich demgegenüber als Nebensache. Die Waldorfpädagogik ist angetreten, den Kindern „eine Umgebung zu schaffen, in der ihr Geist in voller Freiheit in das Leben eintreten kann“. (Steiner) Das schließt fleißiges Üben keineswegs aus. Die Kinder kommen ja zur Welt und tun erstmal nichts anderes, als ganz ohne äußeren Zwang fleißig zu üben! Wir müssen nur aufpassen, dass ihnen dieser Elan nicht ausgetrieben wird durch falsch verstandene Erziehung.

27.-28. Januar 2015 in Erlangen

 

Über den therapeutischen Auftrag der Pädagogik / Was Kinder in unserer Zeit brauchen und was die Zeit bräuchte.

Therapie heißt wörtlich übersetzt: helfende, pflegende Begleitung. Insofern versteht es sich fast von selbst, dass der pädagogische Auftrag auch ein therapeutischer ist.

Wir sind aufgerufen, die Kinder zu schützen „vor den Kränkungen der Zeit“, wie es Jean Paul ausdrückte – nicht jedoch, ihnen mit List und Tücke beizubringen, dass sie diese Kränkungen widerstandslos über sich ergehen lassen. Verwahren wir uns gegen die Suggestionen der neuen Dressurpädagogik! Immer mehr Kinder sind erschöpft, überfordert bzw., wenn ich mir das Wortspiel erlauben darf, überfördert, leiden unter Angstzuständen, depressiven Verstimmungen, Schlafstörungen u.v.m. Nichts scheint heute so wichtig zu sein als das reibungslose Funktionieren, selbst wenn die Gesundheit und das Lebensglück darunter leiden. Wir sollten uns stattdessen fragen, was Kinder brauchen, damit sie richtig atmen können in dieser atemlosen Zeit. Dann finden sie schon ihren Weg. Gegebenenfalls auch ohne glänzenden Schulabschluss. Nicht auf Leistung und Erfolg kommt es in erster Linie an, sondern auf Liebe und Freiheit.